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Bericht AGATE Berghüttenklausur 2019

Zum dritten Mal trafen sich klinisch tätige und niedergelassene Psychiater und Psychiaterinnen sowie Apotheker und Apothekerinnen im pittoresken Kloster Neustift in Vahrn/Südtirol zur zweitägigen AGATE Berghüttenklausur. Bei herrlich sommerlichen Temperaturen ging es auch in diesem Jahr darum „scheinbar unlösbare therapeutische Probleme aus dem Arbeitsalltag“ und von ausgewählten Referenten vorgestellte arzneimitteltherapeutische Themen zu diskutieren.

Nach der Begrüßung durch den AGATE Vorstandsvorsitzenden Herrn Prof. Dr. Dr. Haen wurde die erste Diskussion durch einen Beitrag von Katharina Endres (Apothekerin im Arbeitskreis Klinische Pharmakologie, Regensburg) angestoßen. Die Referentin stellte einen an die AGATE gemeldeten Pharmakovigilanz-Fall einer jungen depressiven Patientin vor, deren psychischer Zustand sich während der Behandlung mit dem Immunsuppressivum Tocilizumab stark verschlechterte. Neben anderen Faktoren wurde der Einfluss des monoklonalen Antikörpers auf die Expression der CYP-Enzyme als Ursache für die Aggravation der Depression angenommen. Herr Prof. Dr. Messer (Vertreter der Kliniken unter privater Trägerschaft in der AGATE) und Herr Prof. Haen konstatierten, dass Biologika unbedingt sehr aufmerksam bezüglich unerwünschter Arzneimittelwirkungen und Arzneimittelinteraktionen beobachtet werden müssen, da viele dieser Wirkstoffe erst seit einigen Jahren auf dem Markt sind und noch kaum Erfahrungen zu deren Einfluss auf psychiatrische Erkrankungen vorliegen.

Im Anschluss an den ersten Vortrag eröffnete Herr Prof. Haen die UAW-Fallkonferenz Südtirol der KinderAGATE, bei der es in diesem Jahr schwerpunkmäßig um den Einsatz von Lithium in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ging. Beim Einsatz des sehr potenten Stimmungsstabilisatoren stellen gerade die Nephrotoxizität und deren schwerwiegende Folgen ein großes Problem für Ärzte und Patienten dar.

Nach der Kaffeepause klärte Herr Dr. Dietmaier (ehemaliger leitender Pharmaziedirektor am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg) über mögliche Fallstricke bei Kombinationstherapien mit Psychopharmaka auf. Durch seine langjährige Erfahrung als Klinikapotheker untermalte er seine Präsentation möglicher pharmakodynamischer Wechselwirkungen mit vielen Beispielen aus der Praxis, was die Teilnehmer der Berghüttenklausur zu einem regen Austausch einlud.

Nach dem Abendessen trafen sich die Teilnehmer der AGATE Berghüttenklausur um in lockerer Atmosphäre den Klosterwein zu genießen und sich fachlich auszutauschen.

Am nächsten Morgen startete der zweite Tag der Berghüttenklausur mit dem Vortrag durch Frau Dr. Heinke (Fachärztin für Hämatologie und Onkologie im Krankenhaus des Südtiroler Sanitätsbetriebs in Meran). Die Hämatologin stellte sehr gut strukturiert die verschiedenen Auswirkungen von Psychopharmaka und anderen Arzneimitteln auf das Blutbild vor. Ausgewählte Fallbeispiele aus der Praxis unterstrichen die klinische Relevanz des Themas.

Im Anschluss an die erste Kaffeepause stellte Frau Geiben (Apothekerin im Arbeitskreis Klinische Pharmakologie, Regensburg) verschiedene Fallbeispiele zum Thema „Geriatrie, Schwerpunkt Demenz“ aus der öffentlichen Apotheke vor. Die Apothekerin erörterte insbesondere die Unterschiede zwischen dem beobachteten Verordnungsverhalten in der Praxis und den Empfehlungen der Leitlinie.

Nach der Mittagspause diskutierte Herr Ridders (Apotheker im Arbeitskreis Klinische Pharmakologie, Regensburg) den Einsatz von Bupropion bei Essstörungen. Laut Fachinformation ist die Gabe des Wirkstoffs bei Patienten kontraindiziert, die an Bulimie oder Anorexia nervosa leiden oder in der Vergangenheit litten. Durch einen Überblick über die aktuell verfügbare Literatur zeigte der Apotheker, dass ein Einsatz von Bupropion bei Patienten mit Essstörungen unter bestimmten Voraussetzungen durchaus erwogen werden kann. Dieser Fall zeigte, dass die Fachinformation als Quelle für medizinische Entscheidungen in der Praxis nur eingeschränkt anwendbar ist und wie wichtig eine von der Pharmaindustrie unabhängige Recherche und Fortbildung des medizinischen und pharmazeutischen Fachpersonals ist.

Herr Lipecki (Apotheker im Arbeitskreis Klinische Pharmakologie, Regensburg) bot den Teilnehmern der Berghüttenklausur zum Abschluss einen Überblick über aktuell verfügbare „Legal Highs“ von Kräutermischungen über Badesalze hin zu Poppers und NSOs (Novel synthetic opioids). Der Apotheker klärte auch über die gesetzliche Lage, die Entwicklung der Substanzen und die mit den scheinbar legal erhältlichen Produkten verbundenen schweren Problemen auf.

Nach zwei intensiven Tagen des interdisziplinären Austausches wurde wieder klar, wie wichtig eine von der Pharmaindustrie unabhängige Fortbildung für Ärzte und Apotheker ist. Gerade die jüngeren Teilnehmer konnten vom großen Erfahrungsschatz der „alten Hasen“ profitieren, vor allem da sich in der lockeren Atmosphäre niemand scheute Fragen zu stellen.

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Für alle, die nun Lust bekommen haben, sich dieser interdisziplinären Arbeitsgruppe anzuschließen, bietet sich mit der nächsten AGATE Fallkonferenz im September in München die nächste Gelegenheit die Gruppe kennen zu lernen. Wie immer werden in diesem Rahmen beobachtete unerwünschte Arzneimittelwirkungen präsentiert und diskutiert. Es bietet sich die Gelegenheit von erfahrenen Ärzten zu lernen und für Nebenwirkungen und Arzneimittelinteraktionen sensibilisiert zu werden.
Für Assistenzärzte, die kurz vor der Facharztprüfung stehen, oder Fachärzte, die ihr Wissen auffrischen möchten, bietet die AGATE mit dem Paukkurs im Oktober ein maßgeschneidertes Kursangebot.  

Unter Akademie – Downloadportal Vorträge stehen den Teilnehmern der Berghüttenklausur die Folien der Präsentationen als PDF zur Verfügung.

 

Presseinformation vom 21. Februar 2018

Kommerzielle Gentests für die Individualisierung der Depressionstherapie

Zunehmend mehr Menschen in Deutschland leiden an einer Depression. Die Pharmakotherapie dieser affektiven Störungen stellt dabei eine besondere Herausforderung dar, ein auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten zugeschnittenes Behandlungsschema fehlt bislang. Als ein Ansatz für die individualisierte Therapie mit Antidepressiva gelten mittlerweile verschiedene Gentests, zu finden auch in der Leitlinie zur Therapie der unipolaren Depression.
Auf ihrer Homepage veröffentlicht die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) dazu eine Publikation, die sich kritisch mit zwei Tests auseinandersetzt, die seit gut zwei Jahren auf den Markt sind. Untersucht wurden ein von STADA unter dem Namen „STADA Diagnostik Antidepressiva“ angebotenes Test-Kit, sowie der Gentest ABCB1 der Firma HMNC Brain Health Holding.
Die Publikation kommt zu dem Schluss, dass vom routinemäßigen Einsatz dieser Tests abzuraten ist, zumal die Krankenkassen (GKV) die Tests nicht bezahlen.
Auf Grund seiner Brisanz hat sich auch die AGATE dieses Themas angenommen.
Der Hersteller des Gentests wendet sich mit dem Test-Kitwerblich direkt an den Patienten und übt damit indirekt Druck auf deren Ärzte aus, den Test anzuwenden. Damit stellt sich die Frage, wer besser behandelt wird:
Der Kassenpatient, dem eine möglicherweise unsinnige Maßnahme erspart bleibt, oder der Privatpatient, der für teures Geld eine fragwürdige Behandlung erhält.
Eine Wirkstoffkonzentrationsbestimmung mit klinisch-pharmakologischem Befund ist in jedem Fall eine deutlich kostengünstigere und bessere Alternative.

Die AGATE hat zu diesem Thema für ihre Mitglieder ein AID – Arzneimittel-Informations-Dienst (lies englisch: „aid“) erstellt, abgestimmt und auf ihrer Homepage eingestellt.
Der vollständige Text des AID kann per eMail im Pressebüro in Mainz angefordert werden.

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Ekkehard Haen
Vorsitzender der AGATE e.V. und Geschäftsführer Institut AGATE gGmbH
Nelkenweg 10
D -93080 Pentling

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www.amuep-agate.de

Pressekontakt:
Cornelia Bormann M.A.
Communications Management
Bettelpfad 62a
D-55130 Mainz

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Telefon: +49 (0)6131 627 999 0